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Ein Franken heute ist mehr wert als morgen

21.07.2026, Michael Reimer
Zwölf Monate bauen, dann ein grosser Go-Live: So verbrennen Softwareprojekte Geld, ohne dass es jemand merkt. Der Grund steckt in einer simplen Finanzregel, mit der du jeden CFO von agiler Entwicklung überzeugst: Würdest du lieber heute CHF 10'000 bekommen … oder erst in einem Jahr?

Die Frage ist trivial. Einen ersten Hinweis gibt die umgekehrte Frage: Wie viel mehr müsste ich dir in einem Jahr bieten, damit du jetzt auf das Geld verzichtest? CHF 10'500? CHF 11'000? Dein Aufschlag zeigt, was alle Kaufleute wissen: Geld hat einen Zeitwert. Dieser Zeitwert entscheidet mit, ob ein Softwareprojekt Geld verdient oder verbrennt.

Wert, der auf der Bank des Projektplans liegt

Ein klassisches Softwareprojekt läuft häufig so ab: zwölf Monate spezifizieren, bauen, testen, dann ein grosser Go-Live. Bis dahin verdient die Software exakt nichts. Der gesamte Nutzen ist ein Versprechen auf die Zukunft.

Geld auf dem Konto ist aber mehr wert als ein Versprechen auf die Zukunft. Denn Geld, das du heute hast, kannst du arbeiten lassen: auf der Bank, an der Börse oder, und das ist der eigentliche Clou, im Projekt selbst. Jeder Franken, den die Software früher einspielt, finanziert die nächste Ausbaustufe mit und senkt so die Gesamtkosten. Ein Nutzen, der erst in einem Jahr kommt, kann gar nie kommen: Das Projekt kann in sich scheitern; der Markt kann sich verändern; die Konkurrenz kommt zuvor; ein Krieg entwickelt sich. Es gibt viele Gründe dafür.

Der Net Present Value («Barwert» auf Deutsch) macht daraus eine Zahl. Nimm CHF 10'000, die dir erst in einem Jahr zufliessen. Rechne mit 10 Prozent (etwa die Rendite, die ein Unternehmen von seinem Kapital erwartet). Verdienst du CHF 10'000 heute, kannst du den Betrag durch Investition in einem Jahr auf CHF 11'000 steigern. Verdienst du die CHF 10'000 erst in einem Jahr, hast du effektiv CHF 1'000 weniger! Verdienst du den Betrag erst in drei Jahren, entgehen dir schon CHF 3'310.

Balkendiagramm: CHF 10'000, heute investiert, wachsen mit 10 Prozent Rendite pro Jahr auf CHF 14'641 in vier Jahren.

Wenn wir das nun zurückrechnen, dann ist das Versprechen, in einem Jahr CHF 10'000 zu verdienen, heute rund CHF 9'090 wert. Entsprechend ist das Versprechen, in drei Jahren CHF 10'000 zu verdienen, heute sogar nur rund CHF 7'500 wert.

Es ist also ganz klar: Je später der Nutzen, desto weniger ist er heute wert.

Die Rechnung, die im Lenkungsausschuss fehlt

Nehmen wir ein Projekt, das nach Fertigstellung CHF 40'000 Nutzen pro Jahr bringt. Dieser Nutzen ist sauber teilbar in vier Tranchen à CHF 10'000 pro Jahr.

Der klassische Weg, oft Wasserfall genannt: Alles geht nach zwölf Monaten auf einmal live. Im ersten Jahr verdient das Projekt nichts. Im zweiten Jahr verdient es CHF 40'000.

Der inkrementelle Weg: Alle drei Monate geht eine Tranche live. Ab dem vierten Monat verdient das Projekt CHF 10'000 pro Jahr. Ab dem siebten Monat verdient das Projekt CHF 20'000 pro Jahr. Ab dem zehnten Monat CHF 30'000 pro Jahr. Ab dem dreizehnten Monat dann auch jeweils CHF 40'000.

Das agile Vorgehen verleiht diesem Projekt einen Startvorsprung nach dem ersten Jahr von CHF 15'000, also 10k312+20k312+30k31210k \cdot \frac{3}{12} + 20k \cdot \frac{3}{12} + 30k \cdot \frac{3}{12}. Im zweiten Jahr verdienen beide Projekte CHF 40'000, aber das agile Projekt kann nochmals CHF 1'500 als Kapitalrendite obendrauf legen.

Dabei ist der Zeitwert noch gar nicht eingerechnet. Mit der Barwert-Brille wird der Abstand grösser, weil der gesamte Nutzen des klassischen Wegs in der fernen, unsicheren Zukunft liegt.

Agile ist angewandte Finanzmathematik

Kurze Iterationen, kleine Releases, Continuous Delivery: Das sind Mechanismen, um Nutzen früher in die Gegenwart zu holen, dorthin, wo er mehr wert ist. Don Reinertsen hat dafür in seinem Buch «The Principles of Product Development Flow» (2009) den Begriff Cost of Delay geprägt: Jede Verzögerung hat einen bezifferbaren Preis. Wer den einmal ausgerechnet hat, diskutiert im Priorisierungsmeeting anders.

Dazu kommt der Risiko-Effekt. Wer früh liefert, bekommt früh Feedback, und merkt nach drei Monaten statt nach zwölf, dass Tranche zwei niemand braucht. Das erhöht nicht nur den Barwert, es erhöht den erwarteten Wert überhaupt, weil weniger Geld in Features fliesst, die keiner will.

Ehrlicherweise: Nicht alles lässt sich in Scheiben schneiden. Eine Datenbankmigration liefert keinen Teilnutzen, und viele Menschen haben genug davon, wie oft «agil» als Ausrede für Planlosigkeit herhält. Am Prinzip ändert das aber nichts. Es verschiebt nur die Schnittkanten.

Die bessere Frage

Frage im nächsten Projektmeeting statt «Wann sind wir fertig?» einfach «Was können wir als Nächstes live bringen, das schon Geld verdient?» Dein CFO und deine Finanzabteilung werden die Frage verstehen. Sie rechnen nämlich genau so.

Haben wir dein Interesse geweckt?

Michi Gerber nimmt sich gerne Zeit für deine Fragen. Ganz unverbindlich.